Leseprobe aus dem Buch

"Glaubt mir, ich bin ein Lügner!"

 

Pizza oder Brötchen?

 

 

 

„Was möchtest du heute zum Abendessen haben, Ingo?“

 

„Was hast du denn für die Kinder gemacht?“

 

„Gar nichts. Die schlafen doch heute Nacht bei meiner Mutter.“

 

„Dann will ich Pizza. Müssten noch welche im Keller sein.“

 

„Oder Brötchen?“

 

„Nee, lieber Pizza.“

 

„Die Brötchen müssen aber weg. Morgen sind sie alt.“

 

„Aber essen kann man sie dann trotzdem noch.“

 

„Jetzt tu mal nicht so, Ingo. Als wenn du morgen noch alte Brötchen von heute essen würdest.“

 

„Aber wir können die doch einfrieren und morgen wieder auftauen. Dann schmecken sie wieder frisch und knusprig.“

 

„Du meinst, so frisch und knusprig wie heute?“

 

„Genau.“

 

„Aber dann iss sie doch heute.“

 

„Nee, heute will ich Pizza.“

 

„Ich finde das ziemlich verschwenderisch von dir. Wir haben frische Brötchen, und der feine Herr möchte lieber Pizza.“

 

„Warum verschwenderisch? Ich will doch nichts wegwerfen.“

 

„Spinn nicht rum! Du weißt genau, wie das läuft: Ich hol dir eine Pizza aus dem Keller, die Brötchen wandern in den Brotschrank und werden übermorgen weggeschmissen, weil sie morgen keiner mehr isst.“

 

„Dann frieren wir sie eben jetzt direkt ein. Kannst sie ja mitnehmen, wenn du in den Keller gehst.“

 

„Klasse, und was esse ich heute?“

 

„Mach dir doch auch ´ne Pizza.“

 

„Ich will aber keine Pizza, sondern lieber Brötchen. Ich habe sie extra fürs Abendessen geholt.“

 

„Meine Güte, dann iss halt welche! Hauptsache, ich bekomme meine Pizza.“

 

„Ich möchte aber nicht alle.“

 

„Was?“

 

„Na, alle Brötchen.“

 

„Dann frierst du halt die ein, die du nicht gegessen hast.“

 

„Das lohnt sich doch gar nicht.“

 

„Wohl.“

 

„Super, dann werden die auf jeden Fall in ein paar Wochen weggeworfen, wenn ich das nächste Mal das Eisfach entrümpele und sie in der hintersten Ecke wiederfinde.“

 

„Als wenn du in ein paar Wochen das Eisfach entrümpeln würdest. Als wir das das letzte Mal gemacht haben, waren unsere Kinder noch nicht einmal geboren, und nun ist Klara bereits elf.“

 

„Zwölf, du Ignorant.“

 

„Wie bitte?“

 

„Klara ist zwölf.“

 

„Noch schlimmer.“

 

„Zumindest würde ich mich persönlich sehr darüber freuen, wenn wir heute gemeinsam Brötchen essen würden.“

 

„Aber warum fragst du mich überhaupt, was ich essen möchte, wenn du mir doch sowieso diese dämlichen Brötchen andrehen willst?“

 

„Ich weiß auch nicht. Habe einen Moment nicht richtig nachgedacht.“

 

„Das ist ein grundlegendes Problem von dir, liebste Rosi. Du denkst zu wenig. Und wenn du es alle zwei bis drei Wochen doch mal versuchst, denkst du nicht richtig, weil du außer Übung bist.“

 

„Soll das jetzt eine Beleidigung sein?“

 

„Nein, nur eine Tatsache.“

 

„Wenn du so weitermachst, kriegst du heute Abend gar nichts mehr zu essen.“

 

„Klar, ich muss Hunger leiden, weil du nicht richtig denken kannst. Mach mit den Brötchen, was du willst, aber schiebe mir jetzt bitte eine Pizza in den Ofen.“

 

„Und die Brötchen?“

 

„Vergiss es!“

 

 

 

XXX

 

 

 

„Was gibt`s, du Denkmaschine?“

 

„Ich weiß nicht genau, was das für eine Pizza ist.“

 

„Guck auf den Karton. Da haben die in der Fabrik nämlich extra was draufgeschrieben.“

 

„Den habe ich nicht mehr. Du weißt doch, dass ich die Verpackungen immer schon direkt im Laden entsorge – wegen der Umwelt, Ingo.“

 

„Wegen der Umwelt?“

 

„Ja.“

 

„Aber bei uns landen Pappschachteln doch auch im Papiermüll.“

 

„Quatsch nicht! Es kam super oft vor, dass du sie in den Kamin geworfen hast.“

 

„Seitdem wir hier in der neuen Wohnung leben, haben wir aber keinen Kamin mehr.“

 

„Aber wir hatten einen.“

 

„Und weil wir früher mal einen Kamin hatten, lässt du heute die Pappschachteln im Supermarkt?“

 

„Was weiß denn ich? Zumindest habe ich ein besseres Gefühl, wenn ich sie direkt im Laden lasse.“

 

„Klasse Idee! Vor allem, wenn man anschließend zuhause nicht mehr weiß, was man überhaupt gekauft hat.“

 

„Ingo, ich glaube, ich reiß mal die Folie auf.“

 

„Rosi, ich glaube, ich atme jetzt mal ein und danach wieder aus.“

 

„Arschloch!“

 

„Selber!“

 

„Oh, ich glaube, es ist Spinat.“

 

„Spinat will ich nicht.“

 

„Egal Ingo, die musst du jetzt essen.“

 

„Warum?“

 

„Weil die Folie auf ist.“

 

„Vergiss es, ich esse keine Spinatpizza. Ich bin doch nicht Popeye.“

 

„Und deshalb isst du keine Spinatpizza? Weil du nicht Popeye bist?“

 

„Genau.“

 

„Blöde Begründung.“

 

„Tja, damit musst du jetzt leben. Geh zurück in den Keller. Da müsste noch eine mit Thunfisch sein.“

 

„Ich esse ja nichts mit Thunfisch. Wegen der Delfine, die sich immer wieder in den Schleppnetzen verfangen.“

 

„Ich dachte, du hättest deine vegane Ernährung etwas gelockert.“

 

„Ich esse aber dennoch keinen Thunfisch.“

 

„Zwingt dich ja keiner. Mir ist das mit den Delfinen jedenfalls egal.“

 

„Bist du ein ignoranter Egoist und Tierquäler.“

 

„Egoist und Tierquäler? So ein Schwachsinn! Ich tue doch keinem weh. Warum sollte ich mich außerdem um diese komischen Delfine scheren? Die kümmern sich auch nicht um mich, oder kommt von denen mal einer hier vorbei, um mit mir für ´ne Stunde zu schwimmen?“

 

„Auf jeden Fall gibt es jetzt für dich Spinatpizza, wenn du schon keine Brötchen isst. Kannst dir den Belag ja runternehmen. Das geht ganz einfach: Du musst die Pizza nur kurz in der Mikrowelle auftauen. Danach lassen sich Tomatensauce, Käse und Spinat prima ablösen.“

 

„Hallo, da kann ich doch direkt trockene Brötchen essen.“

 

„Mein Reden.“

 

„Nix da! Mach den Belag von mir aus runter. Aber anschließend packst du mir was Neues drauf.“

 

„Okay, und was?“

 

„Tomatensauce, Käse und … ´ne Dose Thunfisch.“ 

 

„Von mir aus. Wenn es den feinen Herrn zufriedenstellt.“

 

„Tut es.“

 

„Hättest du denn was dagegen, wenn ich mir deinen abgeschabten Spinatbelag auf zwei Brötchenhälften lege und diese im Ofen überbacke?“

 

„Warum sollte ich etwas dagegen haben, liebste Rosi?“

 

„Weil es doch dein Pizzabelag ist?“

 

„Den ich aber nicht esse.“

 

„Ich wollte auch nur gefragt haben.“

 

„Hast du ja jetzt. Doch warum möchtest du das mit dem Spinatbelag tun?“

 

„Dann schmecken die Brötchen besser. Fast wie diese Minipizzen aus dem Supermarkt.“

 

 

 

XXX

 

 

 

„Und Ingo, wie schmeckt deine Pizza?“

 

„Geht so. Irgendwie selbstgemacht.“

 

„Selbstgemacht?“

 

„Wenn ich´s doch sage. Der gekaufte Belag schmeckt mir auf jeden Fall besser – ist ein coolerer, besserer Käse auf den Fabrikpizzen.“

 

„Meine Brötchen schmecken super.“

 

„Hast ja auch den Fabrikkäse drauf.“

 

„Willst du mal bei mir probieren?“

 

„Nee Rosi, ich esse keinen Spinat. Bin ja nicht Popeye.“

 

„Kann ihn dir ja runternehmen, dann schmeckst du ihn gar nicht.“

 

„Na gut, mach mal.“

 

 

 

XXX

 

 

 

„Und, Ingo?“

 

„Gar nicht schlecht. Ich sagte ja, dass der Fabrikkäse besser ist.“

 

„Aber so schlecht ist der aus unserem Kühlschrank doch auch nicht.“

 

„Hast du ´ne Ahnung! Müsstest den Mist mal probieren. Der geht gar nicht.“

 

„Darf ich mal kosten?“

 

„Nö!“

 

„Warum?“

 

„Sind Delfine drauf.“

 

„Sind sie nicht. Ich habe mir die Aufschrift auf der Dose genau durchgelesen. Da steht, dass sie beim Fang darauf achten, dass sie ausschließlich Thunfische an Bord ziehen.“

 

„Und du glaubst denen? Ich bin mir ziemlich sicher, gerade etwas Delfin herausgeschmeckt zu haben.“

 

„Ja, ich glaube denen. Da war auch so ein Zertifikat dabei.“

 

„Okay, nimm dir ein Stück.“

 

 

 

XXX

 

 

 

„Hm, lecker! Ich finde, unser Käse passt da hervorragend drauf.“

 

„Kannst die Pizza gerne zu Ende essen. Ich will die nicht mehr.“

 

„Bist du denn schon satt, Ingo?“

 

„Eigentlich nicht.“

 

„Möchtest du noch meine Spinathäppchen essen? Kannst dir das Gemüse ja rauspicken.“

 

„Nee, lass mal. Ich gehe jetzt in die Küche und sehe nach, ob wir noch Salami oder Schinken im Kühlschrank haben.“

 

„Und dann?“

 

„Dann mach ich mir ein paar Brötchen.“