Leseprobe aus dem Buch

"Ending Stories - Stunden, die Leben verändern"

Gut angekommen

 

Bernd fluchte. Er war viel zu spät dran, und der Lastwagen kroch nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf der schmalen, kurvenreichen Straße vor ihm her.

"Das gibt es doch gar nicht!", rief er wütend, nachdem er nach links ausgeschert war und wegen eines entgegenkommenden Autos direkt wieder zurück in seine eigene Spur musste.

 

Es war acht Minuten vor sieben. Er hatte also nicht mehr viel Zeit, um die restlichen fünf Kilometer hinter sich zu bringen, zur Fabrikhalle zu laufen und seine Karte abzustempeln. Wenn es ihm nicht bald gelänge, diesen dämlichen Milchtransporter zu überholen, würde er es definitiv nicht mehr rechtzeitig zur Arbeit schaffen. Das wäre an sich kein Problem, wenn er nicht während der letzten zwei Wochen schon dreimal zu spät gekommen wäre.

 

Bernd zog sein Handy aus der Tasche und begann damit, seiner Frau Doris eine SMS zu schreiben. Es war ein liebgewonnenes Ritual zwischen ihnen, dass sie sich gegenseitig Kurznachrichten schickten, wenn sie mit dem Wagen unterwegs und gut am Ziel angekommen waren.

Nachdem er die Nachricht getippt hatte, sah er auf die Uhr. Es war vier Minuten vor sieben. Bernd dachte daran, wie er gleich auf dem Firmengelände direkt aus dem Auto springen müsste, um zur Stechuhr zu hetzen. Da hatte er nicht mehr viel Zeit, Doris die Nachricht zu schicken. Außerdem waren es nur noch drei Kilometer bis zur Fabrik. Da würde wohl nicht mehr viel passieren.

Bernd aktivierte die Sendefunktion, und ein akustisches Signal verriet ihm, dass die Nachricht bei seiner Frau angekommen war. Danach legte er das Handy neben sich auf den Beifahrersitz und versuchte einen erneuten Überholversuch. Er scherte vorsichtig aus und stellte fest, dass die Straße frei und kein Gegenverkehr zu sehen war. Er gab Gas. Der alte BMW beschleunigte, und als Bernd den Wagen vor der Zugmaschine des Milchlasters wieder zurück auf seine Fahrbahn lenkte, stand die Tachonadel bei fast 100 Stundenkilometern.

"Wer sagt`s denn?", murmelte er zufrieden und beschleunigte abermals. Nachdem er durch eine langgezogene Linkskurve gefahren war, bemerkte Bernd plötzlich einen Trecker, der etwa 50 Meter vor ihm von rechts aus einem Feldweg kam. Er trat das Bremspedal hart durch und registrierte unbewusst, dass der BMW nicht langsamer wurde.

 

Bernd schrie auf, als er die Heckleuchten des Treckers unaufhaltsam auf sich zurasen sah. Verzweifelt riss er das Lenkrad herum. Der Wagen brach nach rechts aus, schoss über den schmalen Grünstreifen, jagte auf dem Radweg am Trecker vorbei und prallte anschließend ungebremst frontal mit so unglaublicher Wucht krachend gegen eine Eiche, dass Bernd auf der Stelle tot war.

 

XXX

 

Doris kam lächelnd aus dem Bad, als sie ihr Handy hörte. Sie nahm es vom Nachttisch und las die Nachricht ihres Mannes.

 

"Hallo Mäuschen. Bin gut angekommen. Freue mich auf heute Abend. Mach dir einen schönen Tag. Du bist mein Leben. Ich liebe dich, Bernd."

 

Sie ließ sich auf die Bettkante sinken und legte eine Hand auf ihren Bauch. Dann kam ihr ein Gedanke, und sie atmete erleichtert auf. Anschließend schrieb sie ihrem Mann eine Nachricht zurück.

 

"Hallo mein Schatz. Schön, dass du gut angekommen bist. Ich konnte dir gestern Abend nach dem Tennis nicht mehr sagen, dass da was mit den Bremsen nicht in Ordnung ist. Du hast ja schon geschlafen. Und eben bist du ganz leise vor mir aufgestanden, um mich nicht zu wecken. Das war total süß von dir. Hatte das Gefühl, als ob die Bremsen zwischendurch nicht richtig funktionieren. Vielleicht kannst du mit dem Wagen in der Mittagspause zur Werkstatt fahren. Ich will nicht, dass dir was passiert. Ich freue mich, dass es dir gut geht. Heute Abend machen wir es uns gemütlich. Und ich habe eine Überraschung für dich. Ich muss dir nämlich was sagen, was dich bestimmt sehr freuen wird. Ich liebe dich. Deine Doris."