Leseprobe aus dem Buch

"Ending Stories II"

Die Vergeltung

 

Er ging langsam und mit nach unten gerichtetem Blick durch den dunklen und alles verschlingenden Regen. Sein leicht gebeugter Körper steckte in einem abgewetzten Wollmantel, der sich während der letzten Stunden so voller Wasser gesogen hatte, dass der alte Mann ihn kaum noch tragen konnte. Doch er ging weiter. Ein schwarzer Lederhut hing ihm dabei so tief ins Gesicht, dass man von diesem kaum mehr etwas erkennen konnte. Er wusste nicht genau, wie lange er schon unterwegs war; er wusste nur, dass er sein Ziel noch nicht erreicht hatte.

 

Die Straßen und Bürgersteige in diesem trostlosesten aller Stadtteile waren noch kälter und niederdrückender als der Regen, der inzwischen bis zu seiner fahlen und blassen Haut vorgedrungen war. Haut, die so aussah, als hätte sie seit Jahren kein Sonnenlicht mehr gesehen. Haut, die sich anfühlte, als überspannte sie schon seit Jahrzehnten einen toten Körper.

 

Die Straßenlaternen wirkten unmotiviert, während sie scheinbar widerwillig und unter Protest ein wenig liebloses Licht auf den nassen Asphalt und die vermüllten Gehwege warfen.

An einer Ecke wurde er von einer jungen Prostituierten angesprochen. Sie trug ein für die Jahreszeit zu dünnes Stoffjäckchen über ihrem aufreizenden roten Lederimitat-Kostüm, welches einen Blick auf ihre üppigen Brüste gewährte. In der rechten Hand hielt sie einen Regenschirm, der sie kaum vor den Wassermassen schützte. Der Ausdruck ihrer Gesichtszüge verriet Lustlosigkeit und Dunkelheit, und hätte sie sich nicht bewegt, hätte sie auch eine Straßenlaterne sein können.

„Hey, Alter! Soll ich für dich ein wenig die Sonne scheinen lassen? Mit zwanzig Euro bist du dabei.“

Der Mann hob kaum merklich den Kopf, um ihn nach einem kurzen Blick auf die Verlorene direkt wieder sinken zu lassen.

„Kein Bedarf.“

„Hey!“, erwiderte das Straßenmädchen mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut und berührte ihn dabei mit der freien Hand am Mantel. „Kannst es auch gerne für fünfzehn haben. Ich hab heute meinen sozialen Tag.“

„Vergiss es!“, murmelte der Mann in diesem Augenblick fast flüsternd und mit Eiseskälte in den Regen hinein. „Und fass mich nie wieder an!“

Sie sah erzürnt drein, doch als sie für einen Atemzug lang sein Gesicht und die seltsamen Tätowierungen in diesem studieren konnte, riss sie die Augen so weit auf, als stünde der Leibhaftige direkt vor ihr. Und während der Schock noch immer nicht jede Zelle ihres Körpers erreicht hatte, hatte der langsam davonschreitende Mann sie bereits wieder vergessen.   

 

XXX

 

Bernd gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn, legte das Märchenbuch auf das Nachttischchen und schaltete das Licht aus. Nun fiel nur noch etwas Mondlicht durch die halb heruntergelassenen Rollläden, während der Regen weiterhin unablässig leise gegen selbige klopfte.

„Schlaf schön, Laura“, flüsterte er liebevoll.

Die Angesprochene öffnete für einen Moment die Augen, lächelte bemüht und murmelte schläfrig:

„Mach ich, Papa. Und du hab eine schöne Geburtstagsparty.“ Bernd grinste.

„Ach, du. Eine richtige Party ist das ja nicht gerade. Es kommen nur ein paar Nachbarn vorbei.“

Laura wirkte nachdenklich.

„Aber du wirst doch morgen 40. Und du hast den ganzen Nachmittag Musiklieder ausgesucht.“

„Aber wir werden trotzdem nur gemütlich im Wohnzimmer sitzen, quatschen und die eine oder andere Kleinigkeit knabbern.“

„Und wenn es Mitternacht ist, bist du ein ganzes Jahr älter?“

„Kann man so sagen.“

„Und tanzt ihr dann auch?“, wollte Laura nun wieder etwas wacher wissen.

„Ich hoffe nicht!“, lachte Bernd und hob die Arme. „Ansonsten verdrücke ich mich sofort auf die Terrasse.“

„Oh Mann!“, maulte das Mädchen. „Du bist ja ein Spielverderber.“ Ihr Vater nickte bedächtig.

„Also, in Bezug auf das Tanzen muss ich dir da recht geben. Aber jetzt wird geschlafen.“ Er erhob sich, streichelte seiner Tochter noch einmal über die Wange und ging zur Tür.

„Papa?“, meinte Laura noch, während sie sich in ihre Decke einkuschelte. „Mich nervt der Regen. Hört der bald auf?“

„Ganz bestimmt. Irgendwann muss der Himmel ja leer sein.“ Das Kind richtete sich noch einmal auf.

„Mir ist das aber zu dunkel zum Schlafen.“ Bernd runzelte die Stirn.

„Hm, soll ich für dich noch ein wenig die Sonne scheinen lassen?“ Laura strahlte.

„Ja, bitte!“

„In Ordnung“, erwiderte er mit einem gespielt strengen Unterton. „Aber nur ein paar Minuten.“

Bernd ging noch einmal durch das Kinderzimmer und betätigte einen Schalter, der direkt neben Lauras Kleiderschrank an der Wand angebracht war. Augenblicklich erstrahlte eine alte gelbe Laterne auf dem Schrank, die die Form einer Sonne hatte.

„Danke Papa. Jetzt ist es besser.“

„Wenn du das sagst“, meinte er, warf seiner Tochter noch eine Kusshand zu und verließ das Zimmer.


XXX


Zwanzig Minuten später betrat er triefnass ein kleines Geschäft für Jagdbedarf und Sportwaffen. Es war kurz vor Ladenschluss, und er war alleine mit dem Inhaber, der sichtlich nervös auf seiner Unterlippe kaute, als er den Ankömmling bemerkte. Der Mann mit dem Hut und dem durchgeweichten Mantel nickte, als er auf die Ladentheke zuging.

„Ich hatte etwas bestellt.“ Die Stimme klang dunkel und ruhig. Der Verkäufer sah den Mann irritiert an. Schließlich nickte er eine Spur zu heftig, und seine Züge entspannten sich.

„Richtig, richtig!“, beeilte er sich zu sagen. „Ich hole es sofort aus dem Lager.“ Er drehte sich um und verschwand hinter einem dicken Vorhang, um bereits eine halbe Minute später wieder hinter seiner Theke zu erscheinen. Er legte einen in ein Tuch gewickelten Gegenstand vor seinem Kunden auf den Tisch und lächelte verschmitzt. „Da ist das Prachtstück.“

Der alte Mann nahm den Gegenstand an sich und befreite ihn von dem Tuch. Anschließend zog er ihn aus der ledernen Scheide, betrachtete ihn ausgiebig, wog ihn in der Hand und roch sogar daran. Der Ladeninhaber lächelte nun noch breiter. 

„Ein wunderbares Messer. Wahrscheinlich das Beste seiner Art.“

„Wenn Sie es sagen“, entgegnete der Mann wortkarg und hielt es sachkundig gegen das Licht.

„Ich habe es extra importieren müssen, was die Sache natürlich ein bisschen teurer macht. Dafür erhalten Sie aber auch eine vielfach gewalzte und gefaltete Klinge aus reinstem Damaststahl mit über 200 Lagen. Ich sag mal: Da können Sie getrost mit ´nem Panzer drüberfahren, und man sieht nachher nicht den geringsten Kratzer.“

„Wenn Sie es sagen“, wiederholte sich der Mann. Der Verkäufer nickte erneut.

„Und das Messer ist so scharf, dass Sie sich ab heute täglich damit rasieren können, ohne es in den  nächsten zehn Jahren auch nur einmal nachschärfen zu müssen.“

„Wieviel?“ Der Verkäufer kratzte sich verlegen am Kinn, bemühte sich aber, weiterhin zu lächeln.

„Siebzehnhundert! Dafür lege ich Ihnen aber auch noch ein echtes Opinel-Taschenmesser mit Carbonstahl-Klinge dazu. Ne` Quittung kann ich Ihnen aber natürlich nicht ausstellen.“

Der Mann mit dem Hut hob seinen Kopf ein wenig und musterte den Anderen mit einem undurchdringbaren Blick. Irgendwann sagte er:

„Wir haben am Telefon vereinbart, dass es höchstens 1500 kostet.“

„Ja“, antwortete der Verkäufer unsicher und zog die Schultern ein wenig ein. „Da dachte ich ja auch noch, ich würde es hier in Deutschland bekommen. Doch nun musste ich es in den Staaten bestellen.“

„Nicht mein Problem“, hauchte der Mann in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und warf dem Ladeninhaber einen Packen Geldscheine auf die Theke. „1500! Dafür können Sie Ihren anderen Schrott auch behalten!“ Ruhig schob er das Messer in die Scheide zurück und ließ es anschließend in einer seiner Mantelinnentaschen verschwinden.

„Aber …“

„Ja?“ Der Mann sah dem Ladeninhaber direkt in die Augen. „Gibt es ein Problem?“

„Nein! Alles gut!“, stotterte der Verkäufer und blickte eingeschüchtert zu Boden. „Ich wollte nur noch sagen, dass ein Messer mit einer so langen feststehenden Klinge nach dem Waffengesetz natürlich nicht in der Öffentlichkeit bei sich getragen werden darf. Es sei denn, man nutzt es für einen speziellen Zweck, wie zum Beispiel bei der Waldarbeit oder auf der Jagd.“

Der Mann, der bereits die Ladentür erreicht hatte, drehte sich noch einmal um. Auf seinem tätowierten, aschfahlen Gesicht lag ein dunkler Schatten

„Wenn Sie es sagen. Ich werde es mir merken.“

Danach öffnete er die Tür, trat hinaus und verschwand im Regen.

 

XXX

 

Er stand auf der Terrasse, sah in den Garten und zog nervös an seiner Zigarette. Isabell trat von hinten an ihn heran, umschlang seinen Körper und drückte ihr Gesicht gegen seinen Rücken.

„Aufgeregt?“ Bernd zuckte mit den Schultern und drehte sich zu seiner Frau um.

„Ein wenig“, antwortete er schließlich nachdenklich.

„Musst du nicht!“, entgegnete Isabell und hauchte ihm einen Kuss aufs Kinn. „Das sind alles nette Leute.“ Ihr Mann seufzte.

„Ach, weißt du, Schatz. Ich habe es nur satt, mich immer wieder neu auf so viele Fremde einzulassen. Ich wäre gerne mal irgendwo richtig daheim. Und das für mehr als nur vier oder fünf Jahre.“

Isabell schmiegte sich an ihn.

„Ich glaube, wir sind hier jetzt wirklich sicher. So ein Fehler wie vor drei Jahren passiert denen sicherlich nicht noch einmal.“ Bernd schnaubte vor Wut.

„Das war ja auch die größte Scheiße! Der Typ hätte uns alle umbringen können.“

„Vielleicht können wir ja jetzt für immer bleiben. Laura gefällt es im Kindergarten sehr gut, ich mag den Job in der Grundschule, und deine Chefs und Kollegen sind auch zufrieden mit dir.“

„Wenn du es sagst.“

„Bereust du deine Entscheidung von damals?“

„Grundsätzlich würde ich es wieder tun“, erwiderte Bernd gedehnt. „Aber täglich mit den Konsequenzen, den psychischen Belastungen und der Angst leben zu müssen, ist auf Dauer schon belastend.“

„Liebling, bei dem Überfall damals sind zwei Menschen schwer verletzt und fast getötet worden. Es war richtig und konsequent, dass du die Polizei gerufen und deine Aussage vor Gericht gemacht hast.“

„Nur dumm, dass diese Konsequenz uns in die Situation gebracht hat, dass wir in einer Nacht- und Nebelaktion unser damaliges Leben verlassen mussten, um im Nirgendwo unter falschem Namen komplett neu zu beginnen. Und das nur, weil dieser Verrückte seinen Kumpel während des Prozesses nicht verraten und uns nach dem Urteil damit gedroht hat, dass dieser uns überall auf der Welt findet.“ Er wischte sich über die Augen und fuhr fort: „Und die Geschichte mit der brennenden Puppe vor drei Jahren war ja wohl der Beweis dafür, dass er seine Worte verdammt ernst gemeint hat.“

Isabell atmete tief aus.

„Das mit der Strohpuppe vor unserer Haustür ist lange her. Und seitdem ist nichts mehr gewesen. Es ist noch nicht einmal klar, dass er es überhaupt war. Ich bin mir sicher, dass wir hier sicher sind.“

„Wenn du es sagst.“

„Ja, ich sage es. Und nun komm ins Haus. Unsere Gäste kommen in ein paar Minuten.“  

 

XXX

 

Irgendwann betrat er eine schäbige Gaststätte in einem noch schäbigeren Hinterhof. Im Eingangsbereich blieb er kurz stehen und blickte sich aufmerksam um. Der kleine Schankraum war nur spärlich beleuchtet und noch spärlicher besucht, und es roch nach schalem Bier, Zigarettenrauch und irgendeinem Eintopf. Er setzte sich an einen Tisch im hinteren Bereich der Kneipe, von wo aus er einen guten Überblick über alle Tische und die fünf anderen Gäste hatte, die alle mehr oder weniger trübsinnig in ihre Biergläser oder auf ihre tiefen Teller starrten. Der Mann winkte den Barkeeper und Kneipenbesitzer zu sich und bestellte ebenfalls ein Bier und das Tagesgericht. Nachdem ihm dieser das Gewünschte gebracht hatte, setzte er seinen Hut ab, zog den Mantel aus und begann damit, schweigend seinen Bohneneintopf zu löffeln. Dabei bemerkte er, dass ihn die anderen Gäste verstohlen musterten. Er kannte dieses Gefühl, angestarrt zu werden. Seitdem er die auffälligen Tätowierungen am Hals, im Gesicht und auf der gesamten Kopfhaut hatte, lebte er damit, dass er ständig mit einer Mischung aus Angst und Irritation begutachtet und beobachtet wurde.

Irgendwann wurde die Tür der Gaststätte geöffnet, und ein dünner Mann mittleren Alters kam herein. Er trug einen Trainingsanzug und eine schwarze Lederjacke. Insgesamt wirkte er ungepflegt und verschlagen. Als er den Mann im hinteren Bereich vor seinem Eintopf sah, ging er, nachdem er dem Ladeninhaber, den er anscheinend zu kennen schien, lässig zugewinkt hatte, direkt auf ihn zu, um sich zu ihm an den Tisch zu setzen,

„Geile Tattoos“, flüsterte er greinend. „Schön, dich mal wiederzusehen. Alles okay, Partner?“

Der Alte blickte ihn kauend an. Schließlich entgegnete er gelangweilt:

„Es ist alles okay, wenn du das dabei hast, was du mir schuldest.“ Der Andere grinste schief, griff in seine Hosentasche und zog einen zerknitterten Zettel hervor. Anschließend legte er ihn auf den Tisch.

„Hey, Partner! Ich bin Profi.“ Der Alte runzelte die Stirn, griff nach dem Zettel, faltete ihn auseinander und las die drei handschriftlich verfassten kurzen Zeilen. Nach einer halben Minute knurrte er:

„Und die Adresse stimmt?“ Der Andere lachte gekünstelt auf und machte ein wichtiges Gesicht.

„Hey, Partner! Kannst dich auf mich verlassen. Meine Quelle ist sicher.“ Der alte Mann fuhr sich mit einer Hand über den rasierten Schädel, während der Barmann dem Neuankömmling ein Bier auf den Tisch stellte und wortlos wieder verschwand.

„Das hoffe ich für dich“, zischte der Alte, nachdem der Kneipeninhaber außer Hörweite war. Er griff neben sich, zog das große Messer aus dem zusammengefalteten Mantel und legte es so auf die Tischplatte, dass nur sein Gesprächspartner es sehen konnte. „Denn sonst werde ich dich finden. Und an dem Tag, an dem das passiert, wirst du dir wünschen, du wärest niemals geboren worden.“

Der Mann im Trainingsanzug riss die Augen auf.

„Scheiße! Das ist ja ein verdammtes Schwert. Du scheinst ja echt was Großes geplant zu haben.“

„Worauf du dich verlassen kannst. Wo ist das Geld?“ Der Andere grinste erneut, zeigte zwei gelbe Zahnreihen und griff in seine Lederjacke. Zwei Sekunden später schob er dem Tätowierten einen gut gefüllten Briefumschlag zu.

„28000 Euro“, flüsterte er dabei leise. „Genau 75 Prozent des Coups.“

„Verdammt wenig“, erwiderte der Alte. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich dafür acht Jahre im Bau war und du dir hier draußen ein schönes Leben gemacht hast.“

„Aber jetzt bist du ja wieder da“, antwortete der Mann im Trainingsanzug vorsichtig optimistisch. „Und ganz untätig war ich in den Jahren ja auch nicht.“

„Dass ich nicht lache“, zischte der Alte zynisch. „Du hast vor drei Jahren lediglich in meinem Auftrag die Adresse dieses Mistkerls herausbekommen und anschließend eine billige Strohpuppe vor seinem Haus abgelegt und angezündet. Sonst hast du rein gar nichts getan.“

„Hey, Partner!“, meinte der Andere ein wenig erbost. „Erstens habe ich all die Jahre dein Geld verwaltet. Und zudem habe ich mich nicht schnappen lassen. Das ist doch schon mal was!“ Er zupfte den Kragen seiner Lederjacke zurecht. „Ich freue mich jetzt zumindest tierisch auf unsere gemeinsame Zukunft.“ Der Alte verzog verächtlich die Mundwinkel, legte sich im Sitzen seinen Mantel über die Schultern, verstaute das Messer und den Umschlag in einer der Innentaschen, setzte sich den Hut auf und erhob sich wie unter Schmerzen.

„Vergiss es!“, sagte er dann leise. „Unsere gemeinsame Zeit endet hier und heute.“ Danach ging er ohne ein weiteres Wort aus der Gaststätte, zurück in den Regen. Und weder er noch der Mann im Trainingsanzug bemerkten, wie der Kneipenbesitzer in diesem Augenblick nach seinem Handy griff.

 

XXX

 

Zwölf Minuten später betraten zwei uniformierte Polizisten die Gaststätte, schritten zur Theke, unterhielten sich kurz mit dem Kneipier und gesellten sich dann zu dem Mann im Trainingsanzug, der gerade vor seinem dritten Bier saß. Dieser riss erschrocken die Augen auf und wollte hastig aufstehen, doch einer der Beamten drückte ihn sanft aber bestimmt zurück auf den Stuhl.

„Herr Brandt“, sagte der andere Polizist anschließend nüchtern. „Wir müssen reden!“

 

XXX

 

Es waren viel mehr Leute gekommen als geplant, und die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Während einige Gäste bereits gegen neun Uhr im Wohnzimmer zu tanzen begonnen hatten, standen überall im Esszimmer, im Flur und in der Küche kleine Grüppchen von Menschen beisammen, um zu reden, zu lachen oder zu trinken. Bernd kannte nur die Wenigsten von ihnen, doch es war ihm auch egal. Nach ein paar Gläsern Wein hatte er sich irgendwann an diese wilde Horde gewöhnt, und wenn er ehrlich war, genoss er die Lautstärke, die Musik und die ausgelassene positive Atmosphäre sogar. Er war gerade im Keller, um einige Getränke zu holen, als sein Handy in der Hosentasche vibrierte.

„Ja?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang kühl und sachlich.

„Herr … äh, Schuster?“ Bernd zögerte einen Moment. Er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, alle paar Jahre mit einem neuen Nachnamen angesprochen zu werden.

„Ja!“ Der Mann an Bernds Ohr hustete trocken.

„Haben Sie einen Moment Zeit?“ Bernd richtete sich auf und atmete tief durch.

„Ich bin zwar gerade dabei, mit dreißig Leuten meinen Geburtstag zu feiern, aber schießen Sie los.“

Der unbekannte Anrufer schien einen Moment lang nachzudenken.

„Verzeihen Sie, Herr Schuster. Ich mach es auch kurz. Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass Herr Kraft in fünf Tagen nach acht Jahren vorzeitig wegen guter Führung aus der Haft entlassen wird.“ Bernd erstarrte und hätte beinahe das Handy auf den Kellerboden fallen gelassen.

„Wollen Sie mich verarschen?“, stammelte er irgendwann tonlos.

„Beruhigen Sie sich bitte. Ich weiß auch nicht, warum Sie nicht schon vorher über diesen Tatbestand informiert worden sind, aber es ist nun einmal so. Da muss wohl bei uns ein Fehler passiert sein.“

„Allem Anschein nach!“, rief Bernd erregt. „Das heißt, Werner Kraft ist in ein paar Tagen wieder in Freiheit … und dann vielleicht auf dem Weg zu mir?“

„Machen Sie sich da mal keine Sorgen, Herr Schuster. Ihr Aufenthaltsort ist nur sehr wenigen ausgewählten Menschen bekannt. Sie sind in Ihrem Haus so sicher wie in Abrahams Schoß.“

„Das habe ich vor drei Jahren gesehen!“, platzte es aus Bernd heraus. „Und irgendwann lag da plötzlich eine brennende Strohpuppe vor unserer Haustür!“ Der andere Mann hustete erneut.

„Tut mir leid, aber von diesem Vorfall weiß ich nichts. Ich weiß  nur, dass Sie im Moment absolut sicher sind. Zudem habe ich die Information erhalten, dass sich Herr Kraft am Ende seiner Haftzeit äußerst vorbildlich und angepasst gezeigt hat. Seine Betreuer und Therapeuten haben ihm hervorragende Gutachten und Sozialprognosen ausgestellt.“

„Wenn Sie das sagen“, erwiderte Bernd, der in diesem Augenblick spürte, wie sich die Angst wie ein zu schnell wucherndes Geschwür in seinem Magen breitmachte. „Dass ich erst jetzt informiert werde, ist dennoch ein Skandal.“ Der Andere ließ ein paar Sekunden verstreichen.

„Da gebe ich Ihnen recht. Und es tut mir leid. Ich wünsche Ihnen dennoch einen schönen Geburtstagsabend. Wir werden uns nächste Woche bei Ihnen melden.“

„Wenn es dann mal nicht zu spät ist“, antwortete Bernd aufgebracht und beendete das Gespräch.

 

XXX

 

„Warten Sie hier. Ich bin in spätestens einer halben Stunde wieder da.“ Der Taxifahrer sah den tätowierten alten Mann im Spiegel skeptisch an.

„Ihnen ist aber klar, dass ich die Uhr weiterlaufen lasse, ja? Das wird nicht billig.“

„Wenn Sie das sagen.“ Mit diesen Worten faltete der Alte die Landkarte zusammen, die er bis zu diesem Augenblick auf dem Rücksitz des Passats studiert hatte, setzte sich seinen Hut auf und öffnete die Wagentür. „Und noch was, mein Freund.“ Der Fahrer, ein junger Kerl, der aussah wie ein Student, drehte seinen Kopf und sah seinem Gast direkt ins Gesicht.

„Ja?“

„Wenn Sie gleich nicht mehr hier stehen sollten, oder jemals irgendjemandem von dieser Fahrt oder von mir erzählen, haben Sie ein Problem. Haben wir uns verstanden?“ Der Jüngere schluckte und nickte eifrig.

„Verstanden! Ich werde hier sein, und ich habe Sie noch nie im Leben gesehen.“

Der Alte grinste zufrieden, griff in seine Manteltasche, zog den dicken Umschlag hervor, holte einen Hunderter heraus und reichte ihn dem jungen Mann.

„Hier! Und wenn alles geklappt hat, bekommen Sie nachher zusätzlich zum Fahrpreis noch einmal zwei Scheine, okay?“ Der Fahrer nickte erneut und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd auf Crystal Meth.

„Ja, okay! Vielen Dank. Und Sie sind sich sicher, dass Sie wirklich bei dem Regen hier in dieser Einöde aussteigen wollen? Hier gibt es doch nur Wälder, Felder, Moore und Gestrüpp.“

Der Tätowierte blickte den Taxifahrer düster an.

„Bis in dreißig Minuten!“

XXX

 

Bernd war ängstlich, nervös und völlig durcheinander. Hatte er die letzten Stunden noch genießen können, so stand er nun komplett neben sich. Er war kaum noch in der Lage, sich mit seinen Gästen zu unterhalten. Die meiste Zeit über stand er alleine auf der Terrasse, um eine Zigarette nach der anderen zu rauchen und um in die Finsternis zu starren.

Werner Kraft würde schon bald wieder in Freiheit sein. Und dann würde er vielleicht irgendwo da draußen in der Dunkelheit, im Regen, lauern und auf ihn warten. Was plante er? Was machte er jetzt gerade? Würde er seine Drohungen aus dem Gerichtssaal am Ende doch noch wahrmachen und sie heimsuchen? Vor seinem inneren Auge erschien immer wieder das Bild der mannsgroßen brennenden Strohpuppe vor der Tür des Hauses, das sie zuletzt mit der noch einjährigen Laura bewohnt hatten.

Niemand von den überforderten und unfähigen Kriminalbeamten hatte ihnen anschließend erklären können, wie es zu dieser Panne hatte kommen können. Wie es dazu hatte kommen können, dass Werner Kraft oder sein Komplize, der gemeinsam mit Kraft den Überfall auf die Spielbank geplant, zwei Menschen mit einem Messer schwer verletzt hatte und noch immer auf freiem Fuß war, an die geheime Adresse gekommen waren. Sie hatten ihm am Ende sogar weißmachen wollen, dass es sich bei der brennenden Puppe um einen dummen Jungenstreich gehandelt hatte und nicht um das Werk eines verrückten Verbrechers und Inhaftierten. 

Bernd schnippte seine Kippe gedankenverloren auf den Rasen des dunklen Gartens, der direkt an einen Kiefernwald angrenzte. Wenn wir doch wenigstens irgendwo in der Stadt wären, dachte er verbittert. Hier draußen könnte einer wie Kraft uns eine Woche lang als Geiseln in unserem eigenen Haus gefangen halten, ohne dass auch nur eine Menschenseele etwas davon mitbekommen würde.

Er atmete irgendwann tief durch, strich sich unbewusst über sein Hemd und ging schließlich zurück zu seinen Gästen.

XXX

 

Er schlich durch das Unterholz und bewegte sich dabei wie ein Raubtier, das einer Witterung folgte. Einer Schweißfährte. Vergessen waren sein Alter, seine Gebrechen, die Schmerzen im Rücken, der nasse, unendlich schwere Mantel. Er hatte sich die Karte so genau eingeprägt, dass er nun keinen einzigen Blick mehr auf sie werfen musste. Er wusste genau, wo das Haus lag, die der Nachbarn, und selbst der Regen und die Dunkelheit konnten seine Orientierung nicht beeinflussen. Er atmete langsam und gleichmäßig. So, wie er es während der unzähligen Meditationen und Qi-Gong-Übungen im Knast gelernt hatte.

Er spürte das Messer in seiner Manteltasche – und den Umschlag mit dem Geld. Er würde ein neues Leben beginnen. Und endlich frei sein. Es musste nur noch diese eine Sache erledigt werden.

 

Und dann sah er endlich die Lichter des Hauses, dem er sich von der Gartenseite durch den Wald her näherte. Und er hörte die Stimmen, das Gelächter, die Musik. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit der rechten Hand über den verschwitzten Totenschädel. Und in dieser Sekunde bemerkte er ihn.

Er stand alleine auf der Terrasse und rauchte. Er katte sich kaum verändert und wirkte noch immer so unsicher und klein wie damals im Gerichtssaal. Unbewusst tastete der alte Mann nach dem Messer in seinem Mantel.

Er war am Ziel, und zum ersten Mal seit acht Jahren lächelte er wieder.

 

XXX


Isabell legte ihm eine Hand auf den Unterarm.

„Liebling, ist alles in Ordnung? Du wirkst so abwesend.“ Bernd küsste sie auf die Stirn und lächelte.

„Alles okay, Schatz. Alles okay.“ Isabell schmiegte sich an ihren Mann und seufzte.

„Nur noch wenige Minuten, dann bist du ein alter Mann.“

„Hallo?“, entfuhr es Bernd. „Pass auf, was du sagst. Mit einer wie dir nehme ich es immer noch auf.“

„Na, da bin ich aber mal gespannt“, hauchte sie ihm leise ins Ohr. „Die Nacht ist noch lang.“ Und eine weitere Spur leiser und verführerischer: „Mal sehen, was du in zwei, drei Stunden noch so für Kräfte aufbringen kannst, wenn wir endlich alleine sind.“

 

XXX

 

Die Stimme klang so kalt und hart wie ein plötzlicher und unerwarteter Schlag ins Gesicht.

„Herr Kraft! Polizei! Drehen Sie sich langsam um und heben Sie die Arme!“

Der alte Mann erstarrte und verharrte einen Moment lang in seiner geduckten, beobachtenden Haltung. Sein Herz schlug auf einmal so schnell wie eine Urwaldtrommel, und sein Rücken schmerzte unsagbar, während der nasse Mantel ihn mit unbändiger Kraft zu Boden ziehen wollte. Er erhob sich wie in Zeitlupe und drehte sich um. Und jetzt sah er die etwa zwölf Männer. Alle trugen sie Kampfanzüge, Schutzwesten, Helme und schwere Stiefel. Und alle hielten Gewehre oder Pistolen in den Händen, die allesamt auf ihn gerichtet waren.

„Herr Kraft, seien Sie vernünftig“, ertönte wieder diese kalte Stimme. Sie kam aus dem Mund eines etwa 45-jährigen Mannes, der keine zehn Meter von ihm entfernt stand und trotz seiner Bewaffnung und der Leute hinter sich angespannt und eine Spur zu nervös wirkte. „Wir wissen, was Sie vorhaben. Und wir wissen, dass Sie eine Waffe bei sich tragen.“ Der Mann mit dem halbautomatischen Gewehr blickte ihm direkt in die Augen. „Legen Sie sie langsam auf den Boden.“

Der Alte schien einen Moment lang zu überlegen. Dann griff er schließlich mit einer Hand in seinen Mantel, ertastete das Messer und zog daran. In dem Moment, in dem es sich jedoch im fadenscheinigen Stoff des alten Kleidungsstücks verhedderte und sich nicht mehr leicht und einfach aus der Tasche ziehen ließ, ging erst ein kaum wahrnehmbares Zucken und Zittern durch seinen Arm und anschließend durch seinen gesamten Körper. Und das genau war auch der Moment, in dem ihn die Kugel seines nervösen Gegenübers mitten in die Brust traf.

 

XXX

 

„Hast du das gehört?“ Isabells Augen waren angstvoll geweitet, während sie das Glas Sekt, mit dem sie gerade noch auf Bernds Geburtstag angestoßen hatte, fast fallen ließ. „Klang das nicht wie ein Schuss?“ Bernd stieß seine Frau von sich und blickte zum Garten.

„Geh zu Laura und schließe dich mit ihr in ihrem Zimmer ein.“

In diesem Augenblick drehten sich alle Gäste zur Terrassentür um, rissen die Münder auf und begannen wild durcheinander zu rufen.

„Ein Feuerwerk! Ein Feuerwerk! Los, alle nach draußen!“

Und bevor Bernd auch nur einen Ton von sich geben konnte, stürmten die Menschen auf die Terrasse, um sich einen guten Platz und eine noch bessere Sicht auf das Geschehen zu sichern.

Er tat es ihnen voller Sorge und Panik gleich, und Tränen der Erleichterung liefen sturzbachartig über seine Wangen, als er die bunten und leuchtenden Raketen sah, die am Waldrand gezündet wurden und in den dunklen, verregneten Himmel schossen, um weit über ihnen leuchtend, glitzernd, lautstark und glühend schön zu explodieren. Isabell, die eine verschlafene und dennoch freudig erregte Laura auf ihrem Arm hielt, trat irgendwann von hinten an Bernd heran, während die Gäste gemeinsam „Happy Birthday“ für ihren Gatten anstimmten.

XXX

 

Als seine Beine einknickten und er langsam zu Boden sank, hörte er das Lachen. Auf der nassen Walderde liegend, drehte er den Kopf und betrachtete die seltsame Szenerie am Haus mit einer Mischung aus Verwunderung, Trauer und Wut. Sollte es ihm tatsächlich nach so vielen Jahren nun nicht gelingen, seinen Plan in die Tat umzusetzen? Seine Finger umschlossen beinahe liebkosend das große Messer, und während das letzte bisschen Leben aus seinem Körper schwand, sah er den Verräter, wie er gemeinsam mit seiner Gattin auf der Terrasse stand und lachte. Und er sah das kleine Mädchen auf dem Arm der Frau, das ihm kichernd und überschwänglich gratulierte.

 

XXX

 

Nachdem die Menschen applaudiert hatten und wieder im Trockenen verschwunden waren, löste sich eine dunkle Gestalt aus der Finsternis des Waldrandes und kam langsam auf das Haus zu. Bernd erkannte sie erst, als sie mitten auf dem Rasen stand.

„Achim, du verrückter Knochen!“, rief er überrascht und lief auf seinen Arbeitskollegen zu. „Ich dachte, du hättest heute Abend keine Zeit?“ Der Angesprochene zuckte mit den Schultern und lächelte unschuldig.

„Hatte ich ja auch nicht!“, antwortete er, während er dem Geburtstagskind fröhlich zuzwinkerte. „Schließlich musste ich auch so Einiges organisieren, um bei diesem Scheißwetter ein paar Sonnen für dich scheinen zu lassen. War gar nicht einfach, schließlich warst du während der letzten Stunden ständig draußen. Ich hoffe, dir hat mein kleines Geschenk gefallen.“ Die  beiden Männer umarmten sich.

„Ich danke dir. Aber sag mal“, meinte Bernd, als er sich wieder von Achim gelöst hatte. „Hast du da noch ´ne Rakete in deiner Jacke, oder was ist das für ein großes Teil?“

Bernds Kollege grinste, griff in sein Jackett und zog ein langes schmales Päckchen hervor.

„Keine Ahnung, was das ist“, erwiderte er. „Ich habe es zumindest vorhin am Waldrand gefunden, als ich das Feuerwerk gezündet habe. Da scheint sich wohl irgendjemand nicht getraut zu haben, zu dir ins Haus zu kommen.“

Bernd nahm das in Geschenkpapier eingewickelte Päckchen verwundert an sich, und noch bevor er es ausgepackt und den handgeschriebenen Brief, der um den eingepackten Gegenstand gewickelt war, gelesen hatte, wusste er, was er da in seinen Händen hielt.

 

XXX

 

Das vibrierende Handy riss ihn brutal aus dem Schlaf. Der alte Mann richtete sich benommen auf, strich sich über den tätowierten Kopf und griff schließlich nach dem illegalen Telefon, das er während der langen Gefängnisnächte immer unter seinem Kopfkissen versteckte.

„Ja?“

„Hey, Partner! Gut geschlafen?“ Der Alte schnaufte, während die Bilder seines Traumes noch immer außergewöhnlich real und wuchtig in ihm rumorten und nachwirkten.

„Geht so. Alles erledigt?“

„Hey, Partner!“, ertönte die Stimme aus dem kleinen Gerät. „Ich bin Profi.“

„Klar!“, frotzelte der Alte. „Du bist Profi. Los, erzähl`!“

„Also, das Messer ist der Wahnsinn“, begann der Andere seinen Bericht. „Aber das weißt du ja. Und die Adresse hat auch gestimmt. Der Hacker, den ich da vor ein paar Jahren an Land gezogen habe, knackt echt jedes Sicherheitssystem.“

„Und du hast ihm das Messer und den Brief vor die Terrassentür gelegt?“

Der Andere räusperte sich verlegen.

„Nicht ganz. Aber ich bin mir sicher, dass er es trotzdem bekommen hat.“

Der Alte richtete sich in seiner Zelle noch ein wenig mehr auf und vergaß bei den folgenden Worten beinahe, dass er eigentlich um diese Uhrzeit nur flüstern durfte.

„Wie bitte?“

„Na, ich hatte mich etwas verspätet und kam erst um kurz vor Mitternacht beim Haus an. Und da war da so ein Kerl im Garten, der zig Silvesterraketen in Weinflaschen gesteckt hat. Ich sag dir, der hat da ein richtig professionelles Feuerwerk abgezogen.“

Der alte Mann spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte.

„Und anschließend?“

„Habe ich das Päckchen und den Brief in einem günstigen Moment direkt neben eine dieser Flaschen gelegt. Das kann der Typ gar nicht übersehen haben.“

Der Tätowierte musste tief durchatmen, um nicht die Fassung zu verlieren.

„Du hast also nicht gesehen, dass er das Päckchen bekommen hat?“

„Was hätte ich denn machen sollen?“ Die Stimme des Anderen klang nun verzweifelt. „Ich durfte das Risiko doch nicht eingehen, dass ich entdeckt werde. Aber dieser Feuerwerksmensch hat das Messer und den Brief garantiert gefunden und dem Typen gegeben.“

„Du hast das Feuerwerk also nicht abgewartet?“

„Bist du wahnsinnig, Werner? Ich weiß doch, was dabei für ein Radau entsteht. Stell dir doch nur mal vor, irgendein nicht eingeladener Nachbar hätte bei dem Krach die Polizei gerufen, um sich zu beschweren. Und die wären dann gekommen – und ich da als gesuchter Verbrecher mit `nem Bowiemesser in der Hand am Waldrand. Die hätten mich doch sofort hopsgenommen. Aber glaube mir, der Kerl hat das Teil gefunden.“

Der Alte ließ sich zurück in seine Kissen sinken.

„Wenn du das sagst.“

„Also ist alles gut zwischen uns?“, wollte der Anrufer wissen.

„Alles gut. Aber eines noch.“

„Ja?“

„Hast du irgendwann ein kleines Mädchen beim Haus gesehen? Ein Mädchen, das vielleicht die Tochter dieses Kerls gewesen sein könnte?“ Der Mann am Ende der Leitung zögerte einen Moment.

„Nein, habe ich nicht. Wieso? Ist das wichtig?“ Der Alte atmete hörbar aus und senkte den Kopf.

„Nein! Vergiss es!“ Es entstand eine etwas längere Pause ehe der Anrufer sagte:

„Aber eine Sache verstehe ich immer noch nicht.“

„Schieß los!“, knurrte der alte Häftling schwerfällig.

„Warum hast du dem Kerl das Messer und den Brief eigentlich nicht selbst gebracht, wenn dir die Angelegenheit so wichtig ist?“ Der Alte schloss die Augen, während die Bilder der kleinen glücklichen Familie aus dem Traum wieder vor seinem Geist zu tanzen begannen.

„Weil ich erst in vier Tagen hier raus komme, und der Typ nun einmal heute Geburtstag hat.“

 

XXX

 

Ich wünsche alles Gute zum Ehrentag und hoffe, dass mein Geschenk noch rechtzeitig ankam. Es ist ein gutes Messer. Es ist sogar noch eine Spur besser als das, was mich vor mehr als acht Jahren verraten hat, nachdem ich es, nach dem viel zu frühen, furchtbaren und schnellen Krebstod meiner Frau, dem einzigen Menschen stahl, der mir noch etwas bedeutet hat. Und dass ich es anschließend bei dem Überfall benutzte, war leichtsinnig und töricht. Aber ich stand zu der Zeit komplett neben mir. Ich war permanent betrunken, hasste die Welt und verlor selbst den Blick für die Menschen, die ich liebte. Doch ich will mich nicht herausreden. Ich bin schuldig und werde es immer sein, auch wenn ich in ein paar Tagen das Gefängnis verlasse. Dass dieses so besondere Messer im Fernsehen und in der Zeitung erkannt und die Polizei eingeschaltet wurde, ist nur mehr als gerecht – wahrscheinlich hat es mir sogar das Leben gerettet.

Die Sache mit der Puppe tut mir leid. Ich hatte die Wut auf die Welt noch nicht verarbeitet und wusste nicht, was ich tat. Das ist heute anders. Wenn ich nun bald wieder in Freiheit sein werde, muss kein Mensch jemals mehr Angst vor mir haben. Ich entschuldige mich dafür, dass ich diese erbärmlichen Drohungen vor Gericht ausgesprochen habe. Ich werde keine davon in die Tat umsetzen, und ich werde auch niemals mehr von mir hören lassen. Ich weiß, was ich angerichtet habe.

Mir ist bewusst, dass ich kein Mensch bin, den man lieben kann. Aber vielleicht werde ich zumindest eines fernen Tages wieder ein Mensch sein, dem man verzeihen kann. Pass auf dich auf. Dein Vater

 

Bernd faltete den Brief ruhig zusammen und betrachtete das große Messer auf dem Gartentisch, während hinter ihm im Haus die Party im vollen Gange war. Es war wirklich wunderschön. Und es sah fast so aus wie das Exemplar, welches er von seinen Eltern zu seinem 30. Geburtstag bekommen hatte. Zu einer Zeit, in der alles noch völlig anders gewesen war. Zu einer Zeit, in der seine Mutter noch gelebt hatte, um die ganze Familie zusammenzuhalten. Er nahm es in die Hand, betrachtete es von allen Seiten, hielt es in das kaum wahrnehmbare Licht des Mondes und roch sogar daran. Und dann wickelte er das Messer zusammen mit dem Brief wieder in das Geschenkpapier, ging durch den Regen um das Haus herum zur Garage, betrat sie und versteckte das längliche Päckchen irgendwo zwischen den aufgestapelten Scheiten des Brennholzstapels.

 

Vielleicht würde er das Messer tatsächlich irgendwann mal wieder hervorholen und betrachten.

Es vielleicht irgendwann mal sogar benutzen und anschließend mit ins Haus nehmen.

Vielleicht irgendwann mal.

Vielleicht!