Leseprobe aus dem Buch

"Das kleine Leben geht weiter"

 

 

„Herr Bauer, schön, dass Sie da sind. Kommen Sie doch herein.“ Die Therapeutin, eine sympathisch wirkende Mittfünfzigerin mit weißem Haar, edlem Kostüm und einer roten Hornbrille, reicht Karl lächelnd die gepflegte Hand, an der mehrere breite Ringe glänzen.

„Wird sich noch zeigen, ob das so schön wird“, nuschelt der Eintretende und ergreift die entgegengestreckte Extremität der Älteren ohne große Lust, nachdem er sich seine kleine lederne Herrenhandtasche, die er sich vor einigen Wochen auf einem Trödelmarkt gegönnt hat und die er seitdem immer, modebewusst und stilsicher, mit sich führt, unter den Arm geklemmt hat. „Ich sage Ihnen gleich, dass es nicht meine Idee war, Sie hier und heute aufzusuchen. War so ein dämlicher Kombi-Vorschlag von meiner Gattin und unserem afrikanischen Haus- und Hofdoktor, dass ich mich bei einem Irrenarzt auf die Liege werfen soll, um mich mal so richtig durchheilen zu lassen.“ Die Therapeutin lächelt noch immer warmherzig und weist auf zwei gemütlich wirkende Ledersessel in einer Ecke des hellen Büros.

„Da kann ich Sie direkt beruhigen. Ich bin weder eine Irrenärztin noch besitze ich eine Liege. Und ich werde Sie auch nicht durchheilen. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, mich mit Ihnen zu unterhalten und Ihnen zuzuhören. Heilen, wenn wir bei diesem eigentlich unpassenden Wort bleiben wollen, werden Sie sich im günstigsten Fall anschließend selbst, nachdem ich Ihnen einige Tipps mit auf den Weg gegeben habe. Aber setzen Sie sich doch erst einmal.“

Karl schlurft über den hellbeigen Teppich, lässt sich in einen der angebotenen Sessel fallen und schwingt bewusst cool ein Bein über das andere, während er die Herrenhandtasche neben sich auf den Boden legt.

„Herr Bauer?“, ertönt in diesem Augenblick die angenehme Stimme der Therapeutin, die, mit einem Spiralblock in den Händen, ihm gegenüber im zweiten Sessel Platz genommen hat. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihre Schuhe auszuziehen? Ich glaube, Sie sind da in was reingetreten.“

Karl wirft einen Blick auf den in der Luft schwebenden Schuh und erstarrt beim Anblick der braunen, schmierigen Masse zwischen den Profilrillen der Sohle. In diesem Augenblick dringt ihm außerdem zu allem Überfluss nicht nur der süßlich ekelige Geruch in die Nase, sondern er nimmt auch die dunklen Abdrücke wahr, die er mit seinen Hundehaufen-Tretern auf der ansonsten so reinen Auslegware hinterlassen hat.

„Äh, logo! Muss vom Eumel sein. Der hatte heute den ganzen Tag einen richtig gemeinen Durchfall“, stottert er peinlich berührt und will gerade aufstehen, um zurück zur Tür zu gehen, als die Therapeutin die Hand hebt.

„Ich wäre Ihnen unendlich dankbar, wenn Sie die Schuhe an Ort und Stelle ausziehen würden. Ich bin zwar der Meinung, dass es immer gut ist, wenn ein Mensch in seinem Leben Spuren hinterlässt - wir sollten es für den Moment aber bei den bestehenden belassen.“

Karl streift sich die stinkenden Laufschuhe von den Füßen, um sie auf den Boden neben seinen ausladenden Sessel zu stellen.

„Glauben Sie, dass Sie so freundlich sein könnten, die Schuhe nach draußen zu bringen?“, fragt die Therapeutin noch immer freundlich und geduldig dreinschauend. „Mir wird bei dem Geruch von Hundekot in geschlossenen Räumen immer schlecht. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich glaube aber sicher, dass es nichts mit meiner Kindheit zu tun hat.“

„Logo“, meint Karl verlegen, ohne den Therapeuten-Witz verstanden zu haben. Er greift nach den wirklich erbärmlich müffelnden ABC-Mokassins, steht auf und tippelt durch das Büro zur Tür. Dabei meint er verstohlen: „Obwohl ich nicht weiß, ob Ihnen der Geruch meiner Socken besser gefallen wird. Ich habe sie in dieser Woche noch nicht gewechselt, müssen Sie wissen. Wir haben ja auch erst Mittwoch.“

„Ach, Herr Bauer“, meint die Therapeutin nahezu großmütterlich sanft, während sie Karl dabei beobachtet, wie er wieder in seinem Sessel versinkt und anschließend verzweifelt versucht, das auffällige Loch in einem seiner Strümpfe, aus dem ein großer Zeh vorlaut und arglistig herauslinst, mit dem anderen Fuß zu verbergen. „Ich finde Ehrlichkeit und Offenheit in meinem Beruf zwar enorm wichtig, alles muss ich jedoch nicht wissen.“

„Gut“, erwidert Karl, zieht die kurzen Beine hoch und hockt wenige Sekunden später im Schneidersitz in dem weichen Sessel. „Ich werde es mir merken.“ Die Therapeutin sieht ihm ruhig in die Augen. Nach etwa einer Minute, die Karl vorkommt wie eine Ewigkeit, fragt sie:

„Stört es Sie, wenn ich Musik anmache?“ Karl zuckt mit den Achseln.

„Nö! Wenn es Ihnen hilft.“ Die Therapeutin beginnt zu schmunzeln, greift in die Innentasche ihres Jacketts und befördert eine winzige Fernbedienung zu Tage. Sie richtet sie in Richtung des Schreibtisches, und wenige Sekunden später ertönen die ersten sphärischen Klänge, die Karl stark an den Soundtrack eines billigen Science-Fiction-Films erinnern.

„Haben Sie nichts Ordentliches, nichts Rockiges?“, fragt er mit skeptischem Gesichtsausdruck. „Bei dem Gelalle pennen einem ja die Füße ein.“

„Herr Bauer“, erwidert die Therapeutin mit dem Anflug eines scharfen Untertons. „Dieses hier soll eine ruhige Gesprächssitzung werden, keine Tanzstunde.“ Karl verdreht die Augen.

„Okay! Dann fangen Sie mal mit Ihren manipulativen Gehirnwäschefragen an, Doktorin. Je eher wir fertig sind, desto besser.“

Die Frau fährt sich wie beiläufig durch ihre Haare.

„Ich würde es begrüßen, wenn Sie mich während unserer Sitzungen mit meinem Namen ansprechen würden. Frau Kasperhoff empfinde ich als wesentlich persönlicher und…intimer als Doktorin. Ich nenne Sie ja auch Herr Bauer und nicht Finanzbeamter.“ Karl zieht die Brauen in die Höhe und kratzt sich hinterm Ohr.

„In Ordnung! Obschon wir das mit dem intim werden ruhig noch ein wenig nach hinten schieben können. Ich bin nämlich lediglich hier, weil…“

„Ihr Hausarzt Sie zu mir geschickt hat, ich weiß!“, fährt Frau Kasperhoff ihrem Patienten resolut ins Wort. „Doch warum sind Sie dann gekommen? Meines Wissens hat Herr Schumacher unsere Gesprächseinheiten lediglich vorgeschlagen und angeregt. Er hat sie nicht richterlich anordnen lassen.“

„Na“, antwortet Karl, „weil meine Frau auch meint, dass es mir guttun würde, mit einem Experten über meine aktuelle Lebenssituation zu reden.“

„Und was meinen Sie, Herr Bauer?“ Die Gesprächstherapeutin sieht Karl jetzt so direkt und unmittelbar in die Augen, dass dieser verstohlen auf seine gefalteten Hände und die verknoteten Beine blickt. „Sehen Sie das anders?“

„Nun, Frau Kasperlhoff, ich …“

Kasperhoff, Herr Bauer. Ohne l.“

„Auch gut, Frau Kasperhoff. Soll mir recht sein. Also, ich denke, dass ich zurzeit unter Umständen, also gegebenenfalls, wirklich das eine oder andere Mini-Problemchen habe. Ich halte es aber für schlichtweg übertrieben, damit gleich zum Psychodoktor zu rennen. Ich veranstalte das Ganze hier auch nur meiner Frau zuliebe. Die macht sich nämlich immer viel zu viele Sorgen.“

„Und Sie machen sich keine Sorgen?“ Karl drückt den Hinterkopf in die Polster und spielt unbewusst an seinem nackten Zeh herum. Dann antwortet er mit dem Brustton der Überzeugung:

„Nö!“

Die Therapeutin lehnt sich ein wenig nach vorne, und Karl hat den Eindruck, dass ihr Blick in diesem Moment noch einmal eine Spur intensiver, lauernder und aufmerksamer wird.

„Und Sie denken, dass mit Ihnen und Ihrem Leben alles in Ordnung ist? Dass Sie eine Gesprächstherapie nicht nötig haben?“ Karl hebt das Haupt und traut sich tatsächlich, der Dame in ihrer seriösen Kombination keck ins vornehm bebrillte Gesicht zu sehen.

„Yo, das denke ich. Ich meine, dass ich mit meinen Problemen bisher auch immer ganz gut alleine zurechtgekommen bin und noch nie Hilfe von einem Psycho-Dingsbums…äh, Therapeuten nötig hatte. Ich finde sowieso, dass in der heutigen Zeit viel zu viel Theater um die Psyche, den inneren Seelenfrieden und den ganzen Blödsinn gemacht wird. Überall liest und hört man nur noch von Burnout, Depressionen und sonn` Gedöns. Es scheint fast so, als würde man heute erst richtig dazugehören, wenn man öffentlich zugibt, einen an der Klatsche zu haben.“  

„Und Sie haben keinen an der Klatsche?“, fragt die Kasperhoff ohne den Hauch einer Provokation.

„Sehe ich etwa so aus?“, kontert Karl leicht erzürnt, während es ihm endlich gelingt, ein Stückchen Nagel von seinem Zeh zu reißen. „Mit mir und meinem Leben ist alles in bester Ordnung. Alles klar auf der Andrea Doria!“

„Gut“, fasst die Therapeutin das Gehörte zusammen und klappt den Spiralblock zu. „Dann sind wir hier fertig.“ Sie steht auf, kommt einen Schritt auf Karl zu und reicht ihm zum zweiten Mal binnen weniger Minuten die wertvolle Klunker-Hand. „Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ich werde Herrn Schumacher mitteilen, dass Sie ein glückliches Leben führen und nicht auf die Hilfe einer Therapeutin angewiesen sind.“

Sie geht zu ihrem Schreibtisch und legt den Block auf die Arbeitsplatte. Anschließend dreht sie sich noch einmal zu dem verwirrten Karl um, der noch immer wie ein alter Indianer in seinem Ledersessel sitzt und so ungläubig und orientierungslos in die Gegend starrt, als hätte er ein paar Züge zu viel von seiner Friedenspfeife genommen.

„Es wäre schön, wenn Sie Ihre Eumel-Schuhe erst im Treppenhaus wieder anziehen würden.“ Wie benommen klettert Karl aus der Nestkuhle, greift nach seiner Ledertasche, lässt dabei das kleine Stückchen Zehennagel heimlich auf den sowieso schon verschmutzten Teppich fallen und tapst unsicher wie ein Bärenjunges auf Frau Kasperhoff zu.

„Äh, das ging mir jetzt aber ein wenig zu schnell. Wir haben doch noch nicht einmal das erste Lied komplett gehört. Und was soll ich denn jetzt machen?“ Die Therapeutin blickt über ihre Brille hinweg und erklärt:

„Ich würde vorschlagen, Sie gehen einfach aus diesem Büro heraus, schnappen sich Ihre Schuhe und verschwinden wieder in Ihr glückliches und sorgenfreies Leben.“

Karl steht mit hängenden Schultern und Armen vor dem Schreibtisch und fühlt ein leichtes Gefühl der Beklemmung und Enge in sich aufkommen.

„Das heißt, Sie geben mich einfach auf? Sie lassen mich im Stich?“

Frau Kasperhoff geht einen Schritt auf Karl zu und bleibt direkt vor dem Beamten stehen, der seine kleine Handtasche wie ein eisernes Schutzschild vor der Brust hält.

„Herr Bauer. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, ausschließlich mit Menschen zu arbeiten, die gewillt sind, in ihrem Leben etwas zu verändern. Sie zeigen hier nicht die Spur von Bereitschaft und Aufgeschlossenheit. Mit Ihnen zu arbeiten käme dem Versuch gleich, einen starken Asthmatiker mit Lungenkrebs weiszumachen, dass es gesund sei, täglich eine Kiste Zigarren auf Lunge zu rauchen. Es tut mir leid, aber ich habe eine Menge Leute auf der Warteliste, die sich freuen, wenn ich Ihre Termine auf sie verteile.“

„Aber…“, wirft Karl ein.

„Nichts aber!“, kontert die Therapeutin. „Meine Aufgabe besteht darin, Ihnen zu helfen, mit Ihrem Leben besser klarzukommen, nicht darin, Ihnen einzureden, dass Sie Hilfe brauchen. Ich sehe bei Ihnen und an Ihrer inneren Haltung, dass Sie sich weder Ihrer momentanen Situation bewusst sind, noch dass Sie daran etwas ändern wollen. Entschuldigen Sie, Herr Bauer, aber Sie wirken auf mich wie ein Mensch, der sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, dass ihm geholfen wird. Auf Wiedersehen.“

Karl fühlt sich plötzlich hundsmiserabel. Er schüttelt verständnislos den Kopf, lässt die Schultern so weit herunterhängen, dass sie fast den versifften Teppich berühren und schleicht zur Tür. Als er die Klinke schon in der Hand hat, dreht er sich noch einmal um.

„Frau Kasperlhoff?“

„Kasperhoff“, berichtigt ihn die Therapeutin fast gelangweilt. „Was gibt es denn noch?“ Karl nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt vorsichtig:

„Wissen Sie, mein bester…noch lebender…Freund ist Rettungsschwimmer bei der DLRG. Und der erzählt mir immer wieder, was er für Dinge erlebt, wenn er versucht, Ertrinkende oder Verunglückte aus dem Wasser zu retten. Er sagt, es kommt oft vor, dass er mit den Opfern regelrechte Kämpfe in den Fluten ausführen muss, weil die sich voller Panik und Angst gegen jede Art von Berührung wehren oder einfach nicht in der Lage sind, sich widerstandslos abschleppen zu lassen.“ Er streckt den Kopf in die Höhe und schaut anschließend etwas selbstsicherer und bestimmter in die ausdruckslosen Augen von Frau Kasperhoff.

„Mein Freund Stephan hat mir noch nie erzählt, dass er einen Ertrinkenden hat absaufen lassen, nur weil dieser sich gewehrt hat.“

Die Therapeutin hebt die Brauen, und auf einmal erscheint der Hauch eines Lächelns auf ihrem Gesicht. Sie neigt den Kopf zur Seite, und für einen Moment ist die ruhige Musik in dem hellen Büro so intensiv spürbar, dass Karl das Gefühl hat, sie anfassen, umarmen und einatmen zu können.

„Warum nicht gleich so, Herr Bauer? Ich begrüße Sie zur ersten Sitzung. Wenn Sie mögen, können Sie sich jetzt wieder setzen.“