Leseprobe aus dem Buch

"Aus dem Leben eines kleinen Mannes"

Aus dem Leben eines kleinen Mannes - Erster Teil der Karl-Bauer-Trilogie von Swen Artmann

Die Nacht der Nächte

 

Nun gut, denkt er und fasst sich an seinen fülligen Bauch. Sylvester Stallone hat mit seinen 63 Jahren irgendwie eine bessere Figur als ich, aber der Kerl ist ja auch fast zwanzig Jahre älter. Ich bin mal gespannt, wie ich in zwei Jahrzehnten aussehe.

 

Karl dreht sich ein weiteres Mal vor dem Spiegel mit Schwung um die eigene Achse und er ist sich nicht ganz sicher, ob das leichte Schwindelgefühl von den kreiselartigen Bewegungen stammt oder von den krankhaften Bemühungen, seinen Bauch einzuziehen. Doch woran es auch immer liegen mag, er muss sich erst einmal setzen. Er platziert sein dralles Gesäß, welches in einer schlabberigen Schießer-Imitat-Unterhose steckt, unsicher auf dem Badewannenrand und stützt das Doppelkinn auf die rechte Hand.

 

Früher, während seiner Ausbildung zum Finanzbeamten, hatte er sich mit Vorliebe genau so fotografieren lassen; in dieser intellektuellen Denkerpose, mit der Hand am Kinn und diesen geheimnisvollen James-Dean-Stirnfalten. Früher, als sein Gewicht noch zweistellig gewesen war, und er noch nicht gewusst hatte, dass er nicht wirklich dem Idealbild eines Frauentypen entsprach.

Ja, früher. Da hatte er auch noch gedacht, die Welt hätte nur auf so einen kernigen Typen wie ihn gewartet. Und er war sich zudem völlig sicher gewesen, dass er der einzige und wahre Hauptdarsteller der Echtzeit-Doku „Die erotischten Männer der Gegenwart“ werden würde.

Nun denn, denkt er leicht melancholisch. Irgendwann erwischt es ja die meisten eiskalt, und irgendwann holt das wahre Leben selbst die größten Helden ein.

 

Unter größter Anstrengung beginnt er damit, sich seine gelben, verwachsenen Fußnägel mit dem unschuldigen Knipser zu stutzen, der bis vor wenigen Sekunden noch ahnungslos in der Seifenhalterung der Wanne geschlummert hatte. Dass die abgetrennten Horngliedmaßen dabei wie verirrte Geschosse durch das gesamte Badezimmer peitschen, lässt ihn völlig kalt. Soll Marianne die doch morgen wieder einsammeln, denkt er. Hat sie wenigstens etwas Sinnvolles zu tun.

 

Ja, morgen. Der Tag nach dem heutigen Abend. Und der wird eine Wucht, eine Explosion der Sinne, die volle Dröhnung der unkontrollierten Lust und des Rausches. Ja, es wird meine Nacht werden, denkt Karl nun wieder etwas euphorischer, und Marianne sammelt Fußnägel.

 

Keuchend steht er wieder auf, und das Schwindelgefühl überkommt ihn erneut. Er zwängt sich in Jeans, Socken und Schuhe, wirft sich ein Hemd und seine hellblaue Windjacke über die fleischigen Schultern und hätte fast vergessen, sich noch eine ordentliche Portion Rasierwasser in den Nacken und die Schießer-Imitat-Hose zu spritzen. Dann setzt er sich seine übergroße Kassenbrille auf die Nase.

Auf der Treppe nach unten fühlt er sich schon wieder mehr wie ein toller, wohlriechender Hecht und beginnt, fröhlich zu pfeifen. Es hört sich grauenvoll an, und er gleicht mit seinen unkoordinierten Lippen- und Mundbewegungen eher einem sterbenden Karpfen an Land denn einem Pfeifkünstler, doch das ist Karl egal. Es hört und sieht ihn ja keiner.

 

Seine Frau Marianne ist noch einmal zum Einkaufen gefahren. Sie hatte gemeint, dass sie etwas für den Sauerbraten vergessen hätte, den sie ihm morgen zubereiten wollte. Gut so, denkt er. Dann kann ich mir die verlogenen Abschiedsfloskeln heute einmal sparen. In der Küche reißt er ein Blatt Papier von einem Collegeblock ab, kritzelt „Hallo Schwänchen, bin dann los zum Kegeln, wird spät werden. Dein Karlchen“ darauf und legt es auf den Tisch.

Anschließend überprüft er noch einmal den Inhalt seiner Brieftasche, streichelt die 500 Euro mit den Augen, greift nach den Autoschlüsseln und verlässt mit pochendem Herzen das kleine Reihenhaus, um sich schnaufend durch die eisige Dezemberkälte zu seinem Auto zu bewegen. Als er wenige Sekunden später in dem frostigen Dacia Logan sitzt, ist er so aufgeregt, dass er seinen Herzschlag regelrecht hören kann. Dann gibt er sich jedoch einen Ruck, startet entschlossen den Motor, und in dieser Sekunde erwacht kein rumänischer Aufsitzrasenmäher mit fünf Sitzplätzen, sondern das Herz eines Porsches.

Und dann rast Karl, in Nacken und Hose wohlriechend, in Schrittgeschwindigkeit durch die dunkle Spielstraße.